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Jedermann
Jedermann
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes ist ein Theaterstück von Hugo von Hofmannsthal, das am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt wurde. Seit 1920 wird das Stück jedes Jahr bei den Salzburger Festspielen aufgeführt, zu deren Gründern Hofmannsthal zählte.

Nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele und dramatischer Bearbeitungen aus der frühen Neuzeit (Elckerlijc/Everyman, Homulus, Hecastus) treten im Jedermann Gott, der Tod, der Teufel und andere abstrakte Wesen als Personifikationen auf. Der wohlhabende Jedermann sieht sich mit dem unerwarteten Tod konfrontiert, der ihn vor seinen Schöpfer führen will. Weder sein treuer Knecht, noch seine Freunde, noch sein Geld wollen ihn ins Grab begleiten; erst der Auftritt seiner Werke und des Glaubens bringen ihn dazu, sich zur Christenheit zu bekennen und als reuiger Bekehrter ins Grab zu steigen.
Handlung

Das Spiel beginnt nach traditionellem Vorbild mit dem Auftritt des Spielansagers, der die Aufmerksamkeit des Publikums herstellt. Danach beginnt Gott der Herr, die Menschheit anzuklagen:

Des geistlichen Auges sind sie erblindt,
In Sünd ersoffen, das ist was sie sind,
Und kennen mich nit für ihren Gott.

Gott befiehlt dem Tod, ihm Jedermann herbeizuholen, damit er über ihn „Gerichtstag halten“ könne.

Der folgende Auftritt des reichen Jedermann läßt diesem Zeit, die Sieben Todsünden zu begehen: er prahlt mit seinem Reichtum, kommandiert unnachgiebig seinen Knecht und seinen Koch; verschwendet Geld für seinen eigenen Genuss und ist geizig mit Almosen. Einen Bettler, der ihn ob seines Geizes an die christlichen Werte erinnert, schimpft er und beruft er sich dabei auf eine höhere Ordnung:

Ist alls schon recht, muß nur dafür
Ein Fug und ein Gesetz auch walten
Und jeglich Teil sich daran halten.
Und achten gnau was ihm gebühr (...)

Auf seinem weiteren Weg begegnet er einem Schuldner, der wegen Jedermanns Zahlungsforderungen in den Schuldturm geworfen werden soll. Jedermann zeigt kein Mitleid. Die Frau des Schuldners stellt Geldschuld und metaphysische Schuld einander gegenüber:

Trägst du mit Ruh der Waisen Fluch
Und denkst nit an dein eigen Schuldbuch,
Das du mußt vor den Richter bringen
Wenns kommt zu den vier letzten Dingen?

Jedermann tut die Warnung ab und belehrt den Schuldner:

Das war ein weiser und hoher Mann,
Der uns das Geld ersonnen hat (...)
Dadurch ist unsere ganze Welt
In einer höher Ansehen gestellt
Und jeder Mensch in seinem Bereich
Schier einer kleinen Gottheit gleich

Als nächste tritt Jedermanns Mutter auf, die ihn ermahnt, sich an die Vergänglichkeit (Vanitas) der Welt zu erinnern und an die „klare Rechnung“, die jeder Mensch beim jüngsten Gericht abzugeben habe. Jedermann weist die Mahnung, dass der Tod jederzeit kommen könne, von sich; es sei noch genug Zeit, „Buß und Einkehr“ zu üben.

Nun tritt seine Buhlschaft (Geliebte) auf (die Todsünde der Wollust). Ihr gegenüber zeigt Jedermann nun seine Melancholie; durch ihr Liebeswerben wird der Gedanke an den Tod jedoch gemildert. Eine Gruppe von zehn Junggesellen und zehn Fräulein tritt auf; sie tanzen und singen. Der Todesgedanke hat Jedermann jedoch so erschüttert, dass er sie alle „im Totenhemd“ sieht. Sie bemühen sich, mit Wein und Musik seine Melancholie zu heilen; er jedoch hört ein beständiges „Glockenläuten / Mich dünkt, es kann nichts Guts bedeuten / Der Schall ist laut und todesbang“.

Wie von Jedermann vorausgeahnt, tritt nun der Tod auf, um ihn vor seinen Schöpfer zu bringen. Jedermann klagt, er sei noch „nit bereit / Mein Schuldbuch auch ist nit so weit“. Er erbittet sich eine Stunde Zeit, um einen Begleiter zu finden. Sein Knecht schwört ihm Treue und Gehorsam, mit ihm bis in die Hölle zu gehen; doch als Jedermann ihm sein Anliegen vorträgt, bricht er seinen Schwur: „Itzt stehts, daß ich die Reis nit tu, / Um keiner lebenden Seel fürwahr“. Auch seine engsten „Blutsfreunde“, die Vettern, lassen ihn im Stich. Er befiehlt seinen Knechten, ihm zu folgen, doch diese fliehen angesichts des Todes.

Sind all denn meine Kräft dahin,
Und alls verworren schon mein Sinn,
Daß ich mich kaum mehr besinnen kann,
Wer bin ich denn, der Jedermann,
Der reiche Jedermann allzeit.
Das ist mein Hand, das ist mein Kleid,
Und was da steht auf diesem Platz,
Das ist mein Geld, das ist mein Schatz

Nun tritt dieser „Schatz“ auf, der Mammon. Jedermann wähnt, er sei Herr über sein Geld gewesen und dieses habe ihm Macht und Besitz beschert; doch der Mammon eröffnet ihm, dass das Herrschaftsverhältnis genau umgekehrt gewesen sei:

Jedermann: Warst mein leibeigner Knecht und Sklav. Mammon: Nein, du mein Hampelmann recht brav. (...)

Fährst in die Gruben nackt und bloß,
So wie du kamst aus Mutters Schoß.

Nun treten Jedermanns Werke (Werke der Barmherzigkeit) auf in Gestalt eines „alt gebrechlich Weib“: „Auf mir liegt viel Gebrest und Last / Indem du mein gedacht nit hast.“ Jedermann begreift in seiner zunehmenden Verzweiflung, wie verblendet er sein Leben lang war. Doch auch seine große Reue und die Qual der späten Erkenntnis schaffen es noch nicht, die Werke gehend zu machen, damit sie ihn begleiten könnten.

Die Schwester der Werke, der Glaube tritt auf und tadelt Jedermann: „Hast mich dein Lebenlang verlacht / Und Gottes Wort für nichts geacht, / Geht nun in deiner Todesstund / Ein ander Red' aus deinem Mund?“ Sie nimmt Jedermann ein christliches Glaubensbekenntnis ab und berichtet ihm von der Barmherzigkeit Gottes und von der Möglichkeit der Rettung. Jedermann bittet auf Knien den Erlöser um Gnade. Werke und Glaube treten zu Jedermanns Mutter und seinem Knecht, um ihn zu segnen und seine Rettung zu feiern.

Als Jedermann abgegangen ist, um von einem Mönch das Sterbesakrament zu empfangen, springt der Teufel herbei, um Jedermann zu holen: „Ist mir verfallen um Haut und Haar / Und sicher, wie lang schon keiner war.“ Er beharrt darauf, dass Jedermann rechtmäßig ihm gehöre. Der Glaube, die Werke und der Engel versuchen ihn aufzuhalten und verkünden, dass durch Jedermanns Reue und Umkehr der Anspruch des Teufels verwirkt sei. Der Teufel schimpft auf Jedermanns plötzliche Wandlung, muss aber schließlich doch von ihm lassen:

Ein schöner Fall, ganz sonnenklar,
Und in der Suppe doch ein Haar! (...)
(Er) kommt in einem weißen Hemd
Erzheuchlerisch und ganz verschämt.
Die Welt ist dumm, gemein und schlecht,
Und geht Gewalt allzeit vor Recht,
Ist einer redlich treu und klug,
Ihn meistern Arglist und Betrug.

Jedermann, gesalbt und bereit für die letzte Reise, steigt mit seinen Werken ins Grab hinab. Sie sollen ihm „Beistand und Fürsprech sein“. Unter Engelsgesang schließt das Stück.
Jedermann bei den Salzburger Festspielen
Premiere hatte der Jedermann bei den Salzburger Festspielen am 22. August 1920 in der Inszenierung von Max Reinhardt. Reinhardts Idee war es, das Stück auf dem Platz vor dem Salzburger Dom aufzuführen, wo es nach Hofmannsthal seinen „selbstverständlichen Platz“ gefunden zu haben schien. Mittelalter und Barockzeit, Kirche und Friedhof, Mönche und Musikanten schienen hier in der Gegenwart präsent:

„Wie ein Selbstverständliches wirkten die marmornen fünf Meter hohen Heiligen, zwischen denen die Schauspieler hervortraten und wieder verschwanden, wie ein Selbstverständliches die Rufe ‚Jedermann’ von den Türmen der nahen Kirche, von der Festung (Hohensalzburg) herab, vom Petersfriedhof herüber, wie ein Selbstverständliches das Dröhnen der großen Glocken zum Endes des Spiels, das Hineinschreiten der sechs Engel ins dämmernde Portal, die Franziskanermönche, die von ihrem Turm herunter zusahen, die Kleriker in den hundert Fenstern des Petersstiftes, wie ein Selbstverständliches das Sinnbildliche, das Tragische, das Lustige, die Musik.“ (1920)
Bis 2001 hielten sich die Inszenierungen der verschiedenen Regisseure - siehe unten - an das ursprüngliche Konzept Reinhardts, nur Leopold Lindtberg wich deutlich davon ab. Seit 2002 wird der Jedermann nun in einer modernisierten Inszenierung von Christian Stückl gezeigt, der 2003 auch abendliche Vorstellungen mit künstlichem Licht einführte. Am 5. August 2003 fand die 500. Vorstellung des Jedermann im Rahmen der Salzburger Festspiele statt. Auch von anderen Bühnen und Amateurtheatergruppen wird der Jedermann aufgeführt, zum Teil in Dialektbearbeitungen.

Die Titelrolle des Jedermann gilt in der Theaterwelt als eine Ehre, die nur den berühmtesten Theaterschauspielern zuteil wird. Auch die übrigen Rollen des Stücks, zumal jene der Buhlschaft werden traditionell hochkarätig besetzt.
Den Jedermann spielten bei den Salzburger Festspielen:
Alexander Moissi (1920/21, 1926–31)
Paul Hartmann (1932–34)
Attila Hörbiger (1935–37, 1947–50)
Ewald Balser (1946)
Will Quadflieg (1952–59)
Walter Reyer (1960–68)
Ernst Schröder (1969–72)
Curd Jürgens (1973–77)
Maximilian Schell (1978–82)
Klaus Maria Brandauer (1983–89)
Helmuth Lohner (1990–94)
Gert Voss (1995–98)
Ulrich Tukur (1999–2001)
Peter Simonischek (seit 2002)
Als Buhlschaft waren in Salzburg zu sehen:
Johanna Terwin (1920, 1921)
Dagny Servaes (1926-37)
Grete Zimmer (1946)
Elfe Gerhart (1947)
Maria Becker (1948, 1949)
Judith Holzmeister (1950, 1951)
Lola Müthel (1952)
Heidemarie Hatheyer (1953-55)
Martha Wallner (1956-59)
Sigrid Marquardt (1960)
Ellen Schwiers (1961, 1962)
Maria Emo (1963)
Anna Smolik (1964)
Eva Kerbler (1965, 1966)
Nadja Tiller (1967, 1968)
Christiane Hörbiger (1969-72, 1974 [alternierend mit Berger])
Nicole Heesters (1973)
Senta Berger (1974 [alternierend mit Hörbiger], 1975-78, 1980-82)
Christine Buchegger (1979)
Marthe Keller (1983-86)
Elisabeth Trissenaar (1987-89)
Sunnyi Melles (1990-93)
Maddalena Crippa (1994-97)
Sophie Rois (1998)
Dörte Lyssewski (1999-2001)
Veronica Ferres (2002-04)
Nina Hoss (2005)
Die Regisseure des Salzburger Jedermann:
Max Reinhardt (1920, 1921, 1926–1937)
Heinz Hilpert (1946)
Helene Thimig (1947–1951, 1963–1968)
Ernst Lothar (1952–1959)
William Dieterle (1960)
Gottfried Reinhardt (1961, 1962)
Leopold Lindtberg (1969–1972)
Ernst Haeussermann (1969–1983)
Gernot Friedel (1984–2001)
Christian Stückl (2002–2004)
Martin Kušej (2005), Henning Bock (2006): Leitung der Wiederaufnahme der Inszenierung von Stückl
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